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Text by german art critic Belinda Grace Gardner, 2015

from the catalogue [Zeitbilder]



Parallelwelten des Alltags

Zeichnungen des heutigen Lebens: Matvey Slavins Zeitbilder


Es sind Momente, wie unmittelbar aus dem Leben gegriffen: In belebter Innenstadt gehen Menschen ihren verschiedenen Tätigkeiten nach. Ein Paar läuft Hand in Hand über den Bürgersteig; Kinder spielen in einer Fußgängerzone; ein Mann trägt seine Einkäufe fort; eine Frau schiebt ihr Fahrrad vorbei, eine weitere führt ihren Hund an der Leine. Einige Personen sind in sich gekehrt oder mit anderen ins Gespräch vertieft. Andere sind in Eile. Manche schlendern, manche schreiten zügig voran. Andere wiederum bleiben für einen Augenblick inmitten des urbanen Getriebes stehen oder ruhen sich auf einer Bank aus. Junge und ältere Menschen, hektisch, verträumt, zielstrebig, nichts tuend, in Gedanken versunken: In zeichnerischen Momentaufnahmen fängt Matvey Slavin Ausschnitte des Alltags, Segmente des normalen Lebens ein, in denen sich ganze Geschichten entfalten, wenn man genauer hinsieht. Die Szenen in SlavinsZeitbildern(eine Serie von Bleistiftzeichnungen, die seit 2015 entsteht) entspringen weitgehend Beobachtungen in Hamburg, der Stadt, in welcher der 1987 in St. Petersburg geborene Künstler seit 1999 lebt. 2006 begann Slavin, der an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften sowie der Hochschule für bildende Künste studiert hat, Szenen im städtischen Raum zeichnerisch festzuhalten. Es ging ihm zunächst darum, auf diese Weise einen tieferen Zugang zu seiner Wahlheimat zu erhalten, „die Stadt und ihre Bewohner besser kennenzulernen.“(1) Sein ursprünglicher Schwerpunkt auf die Landschaftsmalerei verschob sich zunehmend hin zur Beschäftigung mit der Stadt als Schauplatz und Bühne des heutigen Lebens.


Diese künstlerische Aneignung des Orts schlug sich in Zeichnungen ebenso nieder wie in Malerei, wobei Slavins Erfassen des städtischen Raums und der darin Agierenden den Faktor „Zeit“ immer schon implizit beinhaltet hat. Spezifisch beispielsweise in einer Gruppe von Hamburger Ansichten mit dem Titel Alte Stadt, neue Menschenvon 2013. Hier setzt der Künstler in zartgrauen Abstufungen und leichter Geste markante, von Passanten und Flanierenden bevölkerte Hamburger Areale wie den Hafen oder Rathausmarkt ins Bild und führt die Gleichzeitigkeit von Bleibendem und von Veränderung vor Augen. Die Dauerhaftigkeit historischer Strukturen, Architekturen, Bauten und Brunnen wird darin durch die Schnelligkeit des Wandels, die unsere Gegenwart in jeder Sekunde in die Zukunft katapultiert, konterkariert. Die Simultaneität von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ist den aktuellen Zeitbildern, denen eine temporale Komponente allein schon durch ihren mehrstufigen Entstehungsprozess eigen ist, buchstäblich eingeschrieben. Die städtischen Szenen in diesen Blättern, die so beiläufig und spontan wirken, als hätte sie Slavin en passant, im Vorbeigehen, eingefangen, sind tatsächlich Ergebnis komplexer Montagen aus mehreren zuvor angefertigten Skizzen und/oder Fotos.


Die dargestellte Situation ist so jeweils eine Fusion aus verschiedenen Ereignissen und Zeitphasen, die der Künstler im Sampling- und Remixverfahren in einer Komposition miteinander verschränkt hat. „Wir sprechen über eine Zeit“, so Slavin, „doch gibt es keine einheitliche Zeit – mehrere Zeitlinien bestehen nebeneinander, und jeder hat jeder sein eigenes Zeitempfinden.“(2) Der scheinbar objektiven Zeitrechnung steht die subjektive Wahrnehmung entgegen. Jeder Mensch ist zugleich Teil eines kollektiven Erlebens und in seiner persönlichen Welt unterwegs. Das macht der Künstler in seinen Zeitbilderndeutlich. Vom Aufbau her folgen sie einer Dreiteilung, in der die Mitte für das „Jetzt“, die Gegenwart, steht, während sich – in der linearen Abfolge westlicher Lesweise – links im Bild andeutungsweise die Vergangenheit und rechterhand die Zukunft abspielt. Auf diese Weise wird „eine Figur, die von links nach rechts geht, aber in die Vergangenheit zurückschaut“ als Person greifbar, die zwar „die Gegenwart verlässt, aber eigentlich dort bleiben möchte“.(3) In einer Art moralfreier Aktualisierung des barocken Vanitas-Sinnbildes treffen – wie etwa in dem historischen Werk Die drei Lebensalter des Weibes und der Tod(um 1510, Kunsthistorisches Museum Wien) von Hans Baldung Grien – verschiedene Altersstufen in einem Bild zusammen: „Jede Figur repräsentiert eine Zeit – durch Alter, Geschwindigkeit und Richtung der Handlung“(4), so Slavin. Aber es geht dem Künstler auch um „die Darstellung verschiedener Gruppen der Gesellschaft“(5) und was in deren Handlungen sowie der Geschwindigkeit dieser Handlungen zum Ausdruck kommt.


In dieser Hinsicht ist Slavin wie ein Regisseur, der seine Figurenkonstellationen im Sinne einer „psychologischen, inneren Dramaturgie“(6) in Szene setzt, wobei die einzelnen Bilder nebeneinander stehend auch wie Sequenzen einer filmischen Abfolge gesehen werden können. Die narrativen Stränge, die sich im Kopf des Betrachters, der Betrachterin verdichten, bleiben dabei ebenso wie die Zeitbilderselbst, die ein Work-in-Progress sind. Vom Dreh- und Angelpunkt der „maximalen Spannung“ in der Bildmitte ausgehend, wo die Gegenwart als „Moment, den wir am schärfsten wahrnehmen“(7) lokalisiert ist, werden Vergangenheit und Zukunft als diffusere Sphären visualisiert, die – wie auch in unseren gedanklichen Vorgängen – zu den (Bild-)Rändern hin schemenhaft verschwimmen oder als Möglichkeitsräume der Phantasie leer gelassen sind. Die Gleichzeitigkeit der Geschicke und Geschichten jener Akteure der Großstadt, die – wie die Fahrradfahrerin, der ausschreitende Mann, das zielstrebige Kind in einer Szene – aneinander vorbei und nebeneinander existieren, wird in Slavins Serie ebenso vor Augen geführt, wie das Miteinander, das in anderen Ausschnitten unserer vielschichtigen Alltagswelt Liebende oder Musizierende momenthaft verbindet. Der Künstler überträgt Charles Baudelaires vormodernes Credo einer „Malerei des modernen Lebens“, die den Fokus „auf die gewöhnlichen Gegenstände des Stadtlebens richtet“(8) und damit die großen existenziellen Fragen gleich mit ins Visier nimmt, in unsere Zeit. Matvey Slavins Zeitbildermachen erfahrbar, dass jeder Augenblick aus vielen Momenten besteht: eine Fülle inhaltlicher, emotionaler, temporaler Elemente, die in ihrer Widersprüchlichkeit und ephemeren Feinstofflichkeit in den Kompositionen kurzfristig zur Ruhe kommen und dennoch in Bewegung bleiben.




Notes:

(1) Der Künstler in einer Email an die Autorin vom 1. Mai 2015.

(2) Der Künstler in einem Telefongespräch mit der Autorin am 1. Mai 2015.

(3) Ebd.

(4) Der Künstler in einer Email, 1. Mai 2015.

(5) Der Künstler im Telefongespräch, 1. Mai 2015.

(6) Ebd.

(7) Ebd.

(8) Manfred Russo: Geschichte der Urbanität (Teil 24) – Moderne 1

Baudelaire. Die Ermächtigung des Künstlers zum Interpreten des urbanen Raums, in: Dérive. Zeitschrift für Stadtforschung, Ausg. 33, Okt. 2008, unter:

http://www.derive.at/index.php?p_case=2&id_cont=775&issue_No=34 (aufgerufen am 3. Mai 2015).

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